1956

Der Fachverband

Über die im Januar in Essen stattgefundene 5. Vortragsreihe Theatertechnikberichtete Unruh in Heft 2 der BTR. Der Architekt H. Deilmann gab Bericht über den Neubau des Stadttheaters Münster, dessen Eröffnung wenige Tage später stattfand. Für die Bühnentechnik dieses Haus zeichnete A. Zotzmann. Architekt E. Huhn erläuterte die fertiggestellten Neubauten der Stadttheater in Bad Godesberg und Remscheid, als Beispiele für Kulturbauten mit Mehrzweckbestimmung in kleineren Städten, die periodisch durch Gastspiele benachbarter Theaterbetriebe versorgt werden. Zweites Hauptthema der Veranstaltung war Neue Materialien im Theaterbau. Aus der großen Menge der dabei zu betrachtenden neuen Baustoffe und neuer Anwendungen ging es um neue Methoden der Heizung, um Schall- und Wärmeisolierungen an Böden, Decke und Wänden und Anwendung von Kunststoffen unter dem Aspekt der Feuer- sicherheit, um Leichtbaustoffe durch Verschaumung auf Kunststoffbasis und um Mehrscheiben – Isolierglas und schließlich um verschiedene Stahlmaterialien für den Podest- oder Hochbau, wie Dexion – Material, Mannes mann-Röhrensystem, MERO-System, Stahlrohr-‚ Stahlblech- und Profileisenkonstruktionen der unterschiedlichsten Art.

Weiter wurde berichtet über handelsübliche Arbeitsbühnen, Lichtfahrstühle und Metall – Leitern als Bock-, Anlegeleitern oder Leitermontagegerüste. Die Einführung der Kunststoffe litt noch unter der Tatsache, dass sie brennbar oder leicht entflammbar sind. Das betrifft auch die Kostümabteilungen und die Maskenbildner, in deren Bereich immer mehr Kunststoffe Verwendung finden.

In Heft 2 der BTR gab die Berufsgruppe ATuV in der GDBA den Termin für die 30. Bühnentechnische Tagung im Juli in Hamburg bekannt. Die Tagung wurde durch GDBA-Themen beherrscht, so dass die Fachthemen der Theatertechnik fast in den Hintergrund traten.

Bereits aus den Einladungen mit der Programmübersicht ging deutlich das Vorherrschen gewerkschaftlicher und tariflicher Themen hervor, so dass außer den am zweiten Tag nachmittags vorgesehenen Firmenreferaten für die von Unruh geprägten Fachthemen nur der Nachmittag des ersten Tages Platz ließ. Mit einiger Mühe war es ihm gelungen wenigstens am Vormittag eine Arbeitssitzung des FNTh unterzubringen. Diese 30. BTT war auch deshalb nach Hamburg vergeben worden, weil 1955 das neu erbaute Zuschauerhaus der Hamburger Staatsoper vollendet und in Betrieb gegangen war.

Zu der Arbeitssitzung des FNTh gab Unruh folgende allgemein interessierende Erläuterungen der Arbeiten: Zunächst wurden die ersten Druckfahnen der Norm DIN 56 920 Benennungen an die Anwesenden verteilt. Als besonders wichtig wurde die Weiterarbeit an den Bühnensteckvorrichtungen angesehen und der Obmann der Arbeitsgruppe beauftragt, die erforderlichen Änderungen durchzuführen. Als drittes Thema wurde die Schaffung einer Farbtabelle für theatertechnische Zwecke‘ angesprochen. Es sollte eine möglichst einfache, für jeden Beleuchter, Bühnenbildner usw. leicht verständliche, praktische Bezeichnung geschaffen werden. Zur Weiterführung der Arbeiten wurde ein Unterausschuss des AA 2 Bühnenbeleuchtung unter der Federführung von Herrn Gampe beschlossen.

Ein anderes Thema der Normung, welches im Arbeitsausschuss Versammlungsstätten des FN Bauwesen 11.8 behandelt wurde, war die Theaterbaunorm DIN 18 600. Das Thema wurde auf 7 Einzelblätter unterteilt:

Blatt 1: Allgemeines;
Blatt 2: Räume für Besucher;
Blatt 3: Bühnen;
Blatt 4: Großhallen mit Arena und ortsfeste Zirkusse;
Blatt 5: Versammlungsstätten in fliegenden Bauten (Zirkusse);
Blatt 6: Bildwerferräume;
Blatt 7: Elektrische Anlagen.

Man konnte aus Unruhs Mitteilungen deutlich entnehmen, dass der FNTh, als einzig zonenübergreifende Institution, einen äußerst emsiges Arbeitspensum absolvierte und damit Vorarbeit für einen späteren Fachverband leistete.

Inzwischen war es Unruh auch gelungen seine mit Hansing seinerzeit erstellten und nunmehr in dritter Auflage in der DDR neu gedruckten beiden Bücher: ABC der Theatertechnik und Hilfsbuch der Bühnentechnik über den Klasing Verlag (BTR) auch im Westen neu herauszubringen.

Willem Huller, der Geschäftsführer der Berufsgruppe ATuV brachte in Heft 5 der BTR eine Wiedergabe der vom Bundesministerium für Arbeit bereits 1949 her ausgegebenen Systematik der Berufe. Darin befanden sich auch alle Berufe der leitenden Bühnentechniker im weitesten Sinne, aber außer den eigentlich wichtigen Bühnen- und Beleuchtungstechnikern, nur Bühnen- und Kostümbildner, Maskenbildner, Gewandmeister, Theatermaler- und -plastiker usw. In einem anhängenden Verzeichnis sind diejenigen Berufe aufgezählt, die bereits – teils als Lehrberufe, teils als Anlernberufe – anerkannt sind. Diese anerkannten Berufe sind charakterisiert durch die Anerkennung als Lehrberuf mit festgelegten Tätigkeitsmerkmalen, dem Lehr- oder (Gesellen-) brief und das Berufsbild. Die Berufsbilder sind in einem Berufsbildkatalog zusammengefasst und geben den verschiedenen Behörden Auskunft über die wichtigen Tätigkeitsmerkmale der Berufe. In dieser Liste der anerkannten Berufe fehlten so gut wie alle Berufe der Theatertechnik, was sich bei der Nachwuchsbildung negativ bemerkbar machte. Für eine generelle Regelung erarbeitete ein paritätischer Arbeitsausschuss der Bühnengenossenschaft (Arbeitnehmer) und des Deutschen Bühnenvereins (Arbeitgeber) entsprechende Unterlagen. Auch hierbei machte sich das Fehlen eines Fachverbandes bemerkbar.

Für die 6. Vortragsreihe Theatertechnik in Essen, geplant für Januar 1957, waren folgende Themen ersichtlich: Bericht über den im Bau befindlichen Theaterbau Gelsenkirchen; Vorträge über Möglichkeiten und Grenzen der Rationalisierung im Theaterbetrieb, über Erfahrungen beim Bau und Betrieb der neuen elektrischen Bühnenbeleuchtungsanlage im Stadttheater Augsburg und über Erfahrungen mit elektrischen Antrieben bei der Bühnenmaschinerie des Burgtheaters in Wien. Letztes Thema gehörte zu der seit den zwanziger Jahren andauernden Auseinandersetzung über die Qualität elektrischer oder hydraulischer Maschinerieantriebe.

Auch zu Arbeitssitzungen, die parallel zur Vortragsreihe liefen, wurde eingeladen. Damit sind die Fachberufsthemen dieses Berichtsjahres erschöpft.

Zu den Personalien:

Der seit 1954 bei den Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main tätige Bühnenbildner und Ausstattungschef Josef Fennecker verstarb im Januar im Alter von 60 Jahren.
Im Februar verstarb Arthur Reiche, der Mitinhaber von Reiche & Vogel Berlin, der noch im Januar seinen 70. Geburtstag bei bester Gesundheit gefeiert hatte.

In der Mitte des Jahres verstarb in Budapest im Alter von 84 Jahren der weltweit bekannte Architekt Oscar Kaufmann. Er war besonders durch die von ihm ausgeführten Arbeiten der Volksbühne am Bülowplatz, der Komödie am Kurfürstendamm und der Krolloper in Berlin weltweit bekannt geworden.

Der Ing. Emil Niethammer, Alleininhaber des bekannten Elektrounternehmens gleichen Namens, feierte im Januar seinen 65. Geburtstag.
Der bei der Freien Volksbühne im Theater am Kurfürstendamm und der Berliner Komödie tätige Walter Bornemann vollendete im Mai sein 70. Lebensjahr. Der Leiter der Theaterabteilung der AEG, Erich Thormann konnte im März das Doppeljubiläum seines 65. Geburtstages und des 50 jährigen Dienstjubiläums bei der AEG feiern.

Über den im März 70 Jahre alt gewordenen Prof. Clemens Holzmeister, gab es im dritten Heft der BTR einen ausführlichen Aufsatz unter dem Titel: “Clemens Holzmeister und das Festspielhaus Salzburg“.
Im letzten Heft dieses Berichtsjahres gab es dann für bekannte und berühmte Bühnentechniker der ersten Generation Ehrungen. Zunächst zum 70. Geburtstag von Friedrich Hansing, Stuttgart, dann für Max Allingers, 70. Geburtstag und schließlich für einen weiteren Altmeister der Bühnentechniker, dem im Dezember 80 Jahre alt gewordenen Albert Rosenberg in Köln.

Es muss noch auf zwei Namen verwiesen werden, die ab den folgenden Jahren Bedeutung für die theatertechnische Facharbeit erlangten. Zunächst Dr. jur. Carl A. Hammann, der erst im staatlichen Justizdienst tätig, nach Kriegsende den Wiederaufbau des elterlichen Betriebes als geschäftsführender Mitinhaber betreiben mußte und der später als Justitiar für die Theatertechnik tätig war.

In Braunschweig existierte eine Export- und Importfirma Diedrich Buschmann, bei der ein Geschäftsführer namens Gerd Ohimer, tätig war. Bei gelegentlichen Geschäftsbesuchen lernte er auch einige Nöte und Sorgen der Beleuchtung kennen, wie das leidige “Farbfilterproblem“. Durch die Handelsbeziehungen der Fa. Buschmann zu Großbritannien, trat Ohlmer mit der Fa. Strand Electric in Verbindung, um deren “Cinemoid“ – Farbfiltersortiment auf dem Deutschen Markt in den Handel zu bringen. Damit war die Geburt eines neuen die Theatertechnik beliefernden Unternehmens vollzogen.

Theatergeschichte

Bei den Theaterwiederaufbauten stand das erste Heft der BTR fast aus schließlich unter dem Eindruck der am 5. November 1955 erfolgten Wiederinbetriebnahme der Staatsoper Wien am Ring. Eingeleitet mit einem Artikel: “Opernregie und Technik“, brachte das Heft ausführliche Berichte über alle technischen Abteilungen und Einrichtungen des wiederaufgebauten Hauses.

Im zweiten Heft gab der Technische Direktor des neu erstandenen Wiener Burgtheaters Sepp Nordegg, einen Bericht über eine Welturaufführung, wobei besonders der Einsatz der neuen Zylinderdrehbühne des Hauses beschrieben wurde.

Weiterhin wurde der Neubau des Stadttheaters Münster beschrieben. Ein dritter Artikel im selben Heft berichtete über das Ergebnis eines Wettbewerbes für ein neues Festspielhaus in Bregenz im unmittelbarem Anschluss an die Seebühne, für 2.500 Besucher.

Das dritte Heft der BTR, zugleich “Tagungsheft“ der 30. BTT, berichtete ausführlich über den Wiederaufbau des Vorderhauses mit Zuschauerraum der Hamburger Staatsoper und die damit in Zusammenhang stehenden “Rück bauten“ des bisherigen Spielprovisoriums auf der Hinterbühne des Hauses, sowie die neuen bühnentechnischen Einrichtungen der nunmehr wieder in Betrieb genommenen Hauptbühne.

Im gleichen Heft erfolgte ein ausführlicher Bericht über das Neue Opernhaus in Düsseldorf, aus vorwiegend architektonischer Sicht.
Unter dem Titel: “Festliches Nymphenburg“ gab ein Artikel über die Freilichtbühne im Schloßpark Nymphenburg, einen Einblick in die zugrunde liegenden technischen Probleme sowohl der Bühneneinrichtung als auch der Tribünen für die 3.000 Sitzplätze.

Für die Beleuchtungstechniker war der vom Geschäftsführer des Fachnormenausschusses Lichttechnik, unter dem Titel: “Über Wege zu einer >optischen Architektur< im Bühnen- und Theaterhaus“ gestellte Artikel bestimmt, der sich mit der durch die moderne Lampenentwicklung bedingten völlig neuen Art, Beleuchtungsaufgaben zu lösen, befaßte.

Im sechsten Heft der BTR gab es einen Baubericht über das neue Opernhaus in Wuppertal-Barmen, welches im Oktober wieder eröffnet worden war. Dabei wurde auch die Bühnenmaschinerie näher beschrieben.

Ein interessanter Beitrag in dem gleichen Heft war der Bericht über die neu erstellte Royal Festival Hall in London, eine echte moderne Mehrzweckhalle. Sie kann sowohl reinen Konzertveranstaltungen als Konzertsaal mit verstell baren Podien dienen, als auch Theateraufführungen ermöglichen. Unruh ging kritisch mit dieser Einrichtung um, da bei all diesen Bauten zu wenig Rücksicht auf die “theatermäßige“ Nutzung solcher Konzertsaalbühnen genommen wird, und dadurch hohe laufende Betriebskosten für die erforderliche technische Umstellung notwendig werden. Die Architekten informieren sich nicht ausreichend über die Bedürfnisse, die beim Bau von Konzerthallen nicht nur bei Akustikern und Dirigenten zu suchen sind, sondern auch umfassender “bühnentechnischer Beratung“ durch entsprechende Fachleute bedürfen.

 

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